Verlaufen beim 130 Ultramarathon #7
Mein längster Ultra-Marathon – Ein Lauf zwischen Mimimi, Intuition und 20 Gels.
Am Samstag, den 9. November, um 5:30 Uhr, ging der Wien Rundumadum Ultratrail los – in der schönsten Stadt der Welt, wie ich finde. 130 Kilometer warteten mit strahlendem Sonnenschein aber dennoch einer Temperatur von knapp 1°Grad auf uns. Die ersten 41km mit 1900 Höhenmetern als Einstand – und ich stand zwischen all den anderen Athleten und dachte mir:
„Was stimmt mit mir nicht? Was tue ich mir eigentlich an?“
Ich war mal wieder in meiner typischen, leicht gestressten Rennvorbereitung: Leggins oder Shorts? Die Entscheidung, ob ich in kurzer oder langer Hose laufe, wurde zu einer existenziellen Frage. Während alle um mich herum selbstbewusst ihre Entscheidung getroffen hatten, fühlte ich mich wie bei meinem DELUXE Edeka an der Käsetheke wo ich nicht weiß, was ich nehmen soll. Und so ging es mir nicht nur bei der Hose, das Thema hatte ich schon bei meinem Sport-Bh. Ich hatte einen echten Entscheidungsaussetzer. Haha….
Leggins oder Shorts?
Die Entscheidung, ob ich in kurzer oder langer Hose laufe, wurde zu einer existenziellen Frage.
Nix Neues. Das passiert mir immer vor jedem Rennen. Ich bin plötzlich von der ganzen Menge an Leuten und ihrer Energie überwältigt, ich sehe die neuesten Schuhe, Uhren und Jacken und denke mir, dass alle ultimative Profis hier sind und nur ich sehe aus wie ein Papagei und kann mich nicht mehr entscheiden, was für mich das Beste ist. Und natürlich ist das der Moment, in dem ich mich frage: „Warum bin ich noch mal hier? Was stimmt mir mir nicht?“
Lost in den Bergen – im wahrsten Sinne
Aber dann, nach dem Start, ging alles wie gewohnt: Kilometer um Kilometer sammelte ich bei finsterer Nacht, ich war ganz vorne dabei, das Gefühl war gut. Der Sonnenaufgang kam nach ca. einer Stunde und damit auch Energie und ein bisschen Wärme. Es lief ganz gut bis km 44, da fingen die ersten Wehwehchen an, die ich dann doch ganz gut wegignorierten konnte. Ein Marathon später, ab km 90, war ich dann mit meinen Gedanken ganz schön versunken in meinen körperlichen Signalen…
Das passiert glaub ich jedem irgendwann, aber ich war dennoch sehr fixiert auf meine Schmerzen.
Soll ich aufhören? Soll ich das erste mal in meinem Leben mal nicht ins Ziel kommen? Mein erstes DNF zelebrieren (did not finish?) Ich war so ziemlich vor dem aufgeben, als fröhlich lächelnd die 2. Frau neben mir her lief…. ich dachte mir, das kann nicht war sein :-O Wo kam die denn her? Ich war mir so sicher, dass mein Abstand zu groß war, als dass sie ihn noch einholen könnte… Naja… Was dann passierte, war ein Wendepunkt, nicht nur im Rennen, sondern auch für mich persönlich: Mein Schmerz, der mich bis dahin wie ein treuer Hund begleitet hatte, war wie weggewischt. Mein Fokus wechselte komplett. Ich war plötzlich nicht mehr die erschöpfte Läuferin, mit Mimimi und au au au, sondern eine Kämpferin. Also gab ich GAS. Ich knallte mir direkt 2, der köstlichen Gels rein, die es noch gab. Ich wusste, jetzt oder nie! Die Beine waren auf einmal genauso frisch wie am Start, mein Atem war konstant und ruhig, Tempo; 5:05, ich hatte wieder meinen Fokus, bääm. Meine Gedanken waren nur noch um ein Thema: Nämlich, Abstand schaffen, kämpfen, keine Fehler.
Nach 25km hatte ich gute 3km Vorsprung, also knapp 15min, ich war mir wieder sicher. Nichts und niemand überholt mich jetzt mehr. I AM BORN TO RACE. Bis Kilometer 115, als der Moment kam, der jeden Ultraläufer im Schlaf aufschrecken lässt: Ich habe mich verlaufen.
Verlaufen bei km 115.
Anstatt auf der Route zu bleiben, rannte ich im Dunkeln noch mal den gefürchteten Bisam-Berg hoch (das macht man ja gerne, wenn man schon 11,5 Stunden unterwegs).
Plötzlich klingelt mein Handy.
Die Organisation ruft an: „Du bist falsch, bitte umdrehen!“ Super. Danke. Also wieder runter – in dem Wissen, dass die Zweitplatzierte jetzt an mir vorbeigezogen ist.
Meine Beine liefen wieder wie geschmiert, und ich sprintete mit einem 4:40er Pace los, um sie einzuholen. (Ja, ich weiß, das klingt verrückt, aber das ist die Magie des Geistes – oder der 20 Gels, die ich intus hatte.)
Das Kopf-an-Kopf-Rennen.
Die letzten 8 Kilometer waren ein ständiges Schulter-an-Schulter-Duell. Wir wechselten uns ab, niemand wollte nachgeben. Bis... ja, bis ich einfach nicht mehr konnte. Mein Körper sagte: „Sorry, Janine, das war's für heute.“ Ich ließ sie ziehen und beendete den Lauf schließlich als 5. overall und – kleiner Trost – als drittschnellste Frau, die diese Strecke je gelaufen ist.
Schmerz ist eine Apotheke.
Was habe ich aus diesem Rennen gelernt? Vor allem, dass unser Gehirn ein echtes Wundertool ist. Schmerz ist oft nur so mächtig, wie wir ihn zulassen. Als ich meinen Platz verlor, kam mein Fokus zurück – und mit ihm eine Energie, die ich für unmöglich gehalten hätte. Unser Körper hört uns zu, was wir so denken und über ihn denken, also ist es wichtig was wir denken. Zu erkennen, dass wir uns in einem Gedankenkarussel sind, ist das erste, was wir tun können.
Meditation und mentales Training sind für solche Momente Gold wert. Auf diesen Distanzen geht es nicht nur darum, wie stark deine Beine sind, sondern wie stark dein Kopf ist. Ich hab mich darauf eingestellt dass es weh tun wird. Aber ich hab vergessen in diesem Moment mir mein WARUM vorzuhalten. Manchmal hilft es, sich nicht in den Schmerz zu verlieren, sondern ihn als Signal zu nutzen: Warum bin ich hier? Wo ist mein Fokus? Wozu kann es mir helfen.
Ein treuer Begleiter: Alex
Und dann war da noch mein bester Trainingsbuddy Alex, der mich viele Kilometer auf seinem Fahrrad begleitete. Ich muss sagen: Das Quietschen seines Fahrrads war manchmal nervig, aber dann wieder perfekte um mich mental abzulenken! 😆 Ich hab mir echt tausend Mal gewünscht, ihn davon runterzustoßen und einfach auf dem Ding zu sitzen und die Strecke eiskalt nach Hause zu fahren. Aber nein, ich musste weiterlaufen – für den Ruhm, die Ehre und die rosinenbrötchenbedingte Motivation!
Was sonst noch passiert ist...
Ich habe unterwegs 20 Gels, 1000kcal Haribos, 3 Mannerschnitten und 6 Rosinenbrötchen vertilgt (der Magen ist der wahre Held!).
5x Waldpause – denn 3l Hydration geht rein, und na ja...
Viele haben das Ziel gar nicht erreicht – allein der Start ist ein Erfolg.
Alles in allem bin ich stolz auf diese Erfahrung. Nicht nur wegen der Platzierung, sondern weil sie mich daran erinnert hat, was in uns steckt, wenn wir unser Gehirn richtig nutzen.
Fazit
12 Stunden 40min sind nicht nur eine Reise durch Wälder und Berge, sondern auch eine Reise zu dir selbst, wer Du bist… Und manchmal hilft es, sich zu verlaufen, um wieder klar zu sehen.
Fürs nächste
Mal 😉