Durchs Höllental auf die Zugspitze –
wenn der Wahnsinn die Angst besiegt

Pipi in Augen und Höschen. Erfahrungsbericht Höllental > Zugspitze als Bergsteiger-Anfänger.

Eigentlich muss ich im Titel noch ein wenig mehr hinzufügen, damit klar wird, dass das Wort Wahnsinn durchaus passend gewählt ist:

  • 3 Mädels (Laura, Mia und ich)
  • gehen zum ersten Mal Bergsteigen,
  • ohne Bergführer,
  • ohne Einführung,
  • ohne Steigeisen,  
  • aber mit einer gewaltigen Portion Mut, Abenteuerlust und Hunger nach Bergluft, …das war ein Wandertrip Deluxe.

Vor einigen Wochen beschlossen meine Freundinnen und ich, dass es doch bestimmt eine ganz tolle Idee sei, bevor wir alle 30 werden, eine ganz ganz besondere Wandertour zu machen. Weil wir alle ein wenig bekloppt in der Birne sind, und uns zu dritt einfach unbesiegbar fühlen, haben wir uns den höchsten Berg Deutschland rausgepickt. Warum nicht? Mein Freund (Andreas Buchalla) schlug die Hände über den Kopf zusammen, als er von der Idee erfuhr. Wisst ihr eigentlich, was ihr da tut? Wir haben uns zumindest alle ein paar Videos angeschaut und gemeinsam beschlossen, dass wir uns das durchaus zutrauen. Den Eltern haben wir nur teilweise die Wahrheit erzählt :-). 

Unsere Ausrüstung bestand aus:
  • Kletter Gurt mit 2 Karabiner-Seil Kombinationen
  • Kletter Helm à geliehen bei: Alpinsport Basis
Achtung früh genug reservieren!
 
  • Schlafsack (kein Hüttenschlafsack) & persönlicher Kram
  • Reguläre Wanderschuhe, gute Wandersocken!
  • Stirnband, Handschuhe mit Gummihandinnenfläche
  • Regenjacke, Funktionsshirt und Sportleggins
  • Proviant (Äpfel, Bananen, Eiweissriegel, gekochte Eier, Nüsse + Rosinen + Frischkäse, Salami)
  • Nagelknipser, Taschenmesser, Pflaster
  • Schätzungsweise wogen unsere Rucksäcke ca. 8-10 Kilo
Es gibt mehrere Wege auf die Zugspitze zu gelangen;
  • Zahnradbahn
  • Seilbahn
  • Jubiläumsweg (Kategorie C-D -> also eine schwere Klettersteig Route Alpinbergsteigen)
  • Reintal Wanderweg (leichte Wanderroute ohne Klettersteig)
  • Höllentalklamm- Route (mittelschwerer Klettersteig mit Kategorie C Sektionen)

Wir dachten, dass wir die mittelschwere Route nehmen. Um uns langsam an das Klettersteigen heranzutaste, wollte wir ein Tag vorher noch mal eben schnell auf die Alpspitze klettern. Schließlich hätten wir uns da, sollte uns das Bergsteigen nichts taugen, auch noch mal gegen den Aufstieg durch das Höllental entscheiden können und doch die Seilbahn hoch zu nehmen. Aber dazu kam es leider nicht.. vielleicht im Herbst noch mal

Zum Verständnis

Auf die Alpspitze haben wir es zeitlich nicht geschafft, wir sind am ersten Tag 23km von der Partnachtklamm über die Kreuzeckalm zur Höllentalanger Hütte gelaufen, das waren schon 8 Stunden wandern. Google Maps oder Bergfex darf man nicht vertrauen, die kennen keine Höhenmeter Einschätzungen und sehen keine Berge im Weg, die man überwinden muss.

Also die Alpspitze machen wir definitv später im Jahr, alles in 2 Tagen war zu heftig.

2 Tage Wandertour

Wir sind am Tag 1 morgens mit dem Zug aus München nach Garmisch-Patenkirchen gereist, haben dann in der Partnachtklamm gestartet. Mit gefühlt 10000 anderen Leuten läuft man an dem tosenden Gebirgsfluss vorbei, der sich im Laufe der Jahre tief in die Schlucht gearbeitet hat. Es ist laut und nass, manchmal wartet man ewig bis es weiter geht, aber sehr beeindruckend und sehenswert ist es auf jeden Fall. Achtung Maskenpflicht (Stand 25.7.2020!)

Von dort aus sind wir über die Kaiserschmarrnalm (natürlich mit Zwischenstopp) weiter über die kleine Eisenbrücke auf die andere Seite der Klamm gewandert. Von dort aus ging es gefühlt stundenlang bergauf, bis wir zur Kreuzeck Alm kamen. Der weg bis dahin war tatsächlich wenig schön von der Landschaft her, es waren Schotterstraßen und es ging ziemlich steil bergauf. Bei der Kreuzeck Alm haben wir uns dann von unserem männlichen Begleiter, meinem Freund, verabschiedet und haben uns auf den Weg in die Höllentalklamm gemacht. Andreas hatte kein passendes Schuhwerk um den 2. Tag mitzumachen.

Der Weg ging realtiv ohne Steigung am Hang enlang und war wunderschön in der sinkenden Abendsonne zu begehen. Kurz vor dem steilen Abstieg zu den Knappenhäusern konnte man noch einmal in das Höllental hinunterschauen und bei wolkenfreien Himmel hätte man die Zugspitze sehen können. (hätte!) Die Szenerie war wundervoll und wir euphorisch bis über beide Ohren.

Nach knapp 1 Stunde kamen wir dann an der Höllentalanger Hütte an. Dort haben wir schon vor einigen Wochen unsere Betten gebucht, da es gut sein kann, dass in der Hochsaison alle Betten gelegt sein können.

 

Das erste Bier, was wir getrunken haben, war das beste der letzten Monate, es ging runter wie nix.

Der Wirt Rene empfiehl uns die Halbpension 32€ (Achtung, alles muss man bar zahlen!) , wo wir ein 3-Gang Abendessen und ein Frühstück bekommen würden. Das war ne gute Entscheidung, wir wurden richtig satt und waren so fix und foxi, dass wir nach der 1minütigen warmen Dusche (1€ die Minute!) eigentlich auch  nur noch ins Bett wollten.

Wir gingen früh schlafen (Mehrbettzimmer) da am nächsten Tag schon gg 5.30 Frühstück geplant gewesen ist und wir definitv mit dem ersten Schwung an Bergsteigern mitgehen wollten… Sicher ist sicher 🙂

<< Die hätten uns Grünschnäbeln den ein oder anderen Tipp noch geben können >>

Wie es doch so kommt, kommt alles anders.

Die Nacht war warm und ich hab meine Oropax vergessen. Somit hab ich super schlecht geschlafen. Laura und Mia haben tief und fest geschlummert. Nie wieder Mehrbettzimmer ohne richtige Vorbereitung!
Wir kramen also nach dem Frühstück (Brot, Käse, Salami, Birchermüsli & Café) zu lange rum und gehen quasi als letzte von der Hütte los. Mist.

Es nieselte die ersten 2 Stunden und wir wurden ziemlich nass. Das hat uns kaum was ausgemacht, denn noch waren die Temperaturen um die 14 °Cund es wurde natürlich immer kälter, je höher wir kamen.

Nach einer Stunde kamen wir dann an den ersten Klettersteig, wo wir unsere Rüstung anlegen mussten.

Es geht los.

Das was immer gezeigt wird auf den typsichen Bildern zur Zugspitze, die Leiter und das Brett – SIND VERDAMMT HARMLOS! Wenn man beides hochgeklettert ist, dann fühlt man sich schon als ob das schlimmste überstanden ist—haha denkste! Das herausforderndste kommt eigentlich erst nach den ersten 3 Stunden kraftzehrenden Aufstieg.

Es ging also weiter über den grünen Buckel, den Wasserfall und das Geröllfeld. Wir haben nur eine kleine Rast kurz vor dem Gletscher gemacht um uns noch wärmer anzuziehen und ein bisschen Energie nachzuladen.

Die Leiter geht senkrecht rauf
Blick ins Höllental
Das Brett sieht krass aus, war aber echt ok
Blick zur Zugspitze

Beim Gletscher kam die Angst.

Der Gletscher sieht von weiten total harmlos und platt aus, aber eigenlich ist er rieeeesig und ziemlich ziemlich steil. Mittlerweile haben wir die meisten anderen bergsteiger schon eingeholt und überholt, anscheinend haben wir ein flottes Tempo drauf.

Im Gänsemarsch ging es dann für uns hinter einer Gruppe von erfahrenen Bergsteigern über die Eisfläche- Dankbarkeit stieg in mir auf, ganz alleine ohne einen Erfahrenen Bergsteiger, wäre ich sicherlich keinen Schritt vor oder zurück gegangen. Wir hatten, sorry das war meine Schuld, alle nämlich keine Steigeisen an und wussten auch nicht, wie man sich auf einem angeschmolzenen Gletscher verhält…

Das machte den Aufstieg zu einer ziemlich gefährlichen Sache. Es können Schneebrücken unter dem Eis sein oder wir rutschen auf gelösten Schneefeldern ab und werden nach unten gerissen… Unsere Schuhe haben kaum Halt geboten und wir mussten die Schuhspitzen richtig fest in die Trittlöcher reinstapfen, in der Hoffnung dass wir nicht abrutschen. Ich hatte zusätzlich, weil ich so ein schlechted Profil hatte, permanent die Händen im Schnee um mich festzuhalten. Ich konnte weder nach hinten schauen, noch mich umdrehen, noch den Gletscher mit seinen gähndnen Spalten und Furchen genießen. Ich hatte wirklich Angsterfüllte Gedanken und mir schoss eine gute Portion Adrelanin durch den Körper, denn ich war wie im Tunnel und hatte heiße Finger und Füße obwohl sie eiskalt sein mussten,

Ein falscher Tritt und man kullert 100m runter ins Tal!
Man sieht wie steil es eigentlich nach unten geht, rasten ging nur im Halbliegen.

Für mich persönlich war es der elend lange steile Gletscher mit seinem rutschigen Einstieg und seinen tiefen Furchen, wo ich an meine Grenzen kam. Es hat mich zwar nicht körperlich angestrengt, aber emotional und psychisch so einen Angst-Zustand in mir erzeugt, der mit kaum einen anderen Event vergleichbar gewesen ist.

Für meine Freundinnen waren es übrigens eher die letzten 3 Stunden klettern. Da sieht man mal, dass die selbe Situation von Mensch zu Mensch unterschiedlich bewertet werden kann.

Ich werde auf jeden Fall diese Schuhe nie wieder im Schnee anziehen, dafür waren sie von der Festigkeit und Profil einfach nicht gemacht.

So, wir stehen also alle an dieser Kante von dem Einstieg zum 2. Teil des Klettersteigs. Die Schneedecke ist ordentlich zurückgeschmolzen, wir schauen also in knapp 4 Meter tiefe Spalten und müssen irgendwie an die beiden Seile kommen, wo wir von dort auch erst mal senkrechten an der Felswand 4 Meter hochklettern müssen. Der Linke Einstieg, der einfachere war unmöglich zu erlangen, das Seil war zu weit weg. Also starteten wir am rechten Einstieg. Kurz nach dem wir auf dem ersten höheren Plateau angekommen sind, etwa 20-30m über den Gletscher hört für ein Stück das Seil auf.

Pipi in der Lulu-Leggins :O)

Ich dachte, ich spinne und das ist nur ein Scherz.

(Aber tatsächlich kamen beim ganzen Aufstieg noch weitere Abschnitte ohne Seil.) Mir rutschte das Herz dann also zum 2. Mal in die Hose, die Kehle hat sich nach dem zu schnüren am Gletscher erst gar nicht mehr geöffnet und ich dachte ich pinkel mir gleich in meine Lululeggins. Apropos Pinkeln, ich empfehle beim grünen Buckel noch in die Büsche zu verschwinden, danach ist man leider ziemlich ungeschützt und steht beim Aufstieg auch etwas knapp an Bergkanten. Haben wir gemacht, wussten es nicht besser… Aber keine gute Idee!

Da ich als erste der ganzen Gletscher-Parade hochgeklettert bin, entschloss ich erst mal am Fels geklammert, auf die nächsten erfahrenen Bergsteiger zu warten, oder noch besser ich rufe schon mal den Heli an und lasse mich abtransportieren. Ich überlegte, wie viel mir die Situation wohl wert gewesen wäre, der bevorstehenden Wanderung mit einem eleganten Flug nach oben zu entkommen. Vielleicht so 500€? Hahha…

Laura und Mia waren übrigens hervorragende Bergziegen und teilweise sogar schwindelfreier als ich. So musste ich gar nicht lange auf sie warten. Glücklich, dass wir es senkrecht nach oben geschafft haben aber doch etwas mit Zweifeln behaftet auf die bevorstehenden Kletterpartien beschlossen wir kurz zu warten. Die Sektion ohne Seil war uns allen ungeheuer und glücklicherweise kam recht fix ein Profi-Bergsteiger Pärchen hoch, die gern als erstes vorgingen wollten. Yes!

Gut, also wenn die das können, dann können wir das auch.

Unser Wahnsinn kam zurück und die Angst wurde langsam abgebaut, mit jedem Meter, den wir höher kamen.

Und es ist wirklich so. Man gewöhnt sich an alles, ABER man sollte stets den Geist neugierig und offen lassen. Panikgedanken zuzulassen sind völlig fehl am Platz. Achtsam Gedanken identifizieren und Emotionen zu erkennen hat mir geholfen, meinen schon recht krassen Szenarien im Kopf schnell wieder beiseite zu schieben und den Fokus auf den Aufstieg zu richten.

Bergsteiger-Etikett

Wir haben übrigens folgende Codes während des Klettern festgelegt.

Das kommt wenn Berufsgruppen zusammen Klettern gehen (Mediator & Fitness Coach, BWL, Psychologin, HR, International BWL)

  • Wir sagen nicht wie schlimm es irgendwo runter geht oder Abschnitte furchteinflößend aussehen
  • Wir geben keine Tipps wie man schwierige Passagen übersteht
  • Wir bleiben in Sichtweite
  • Wir haken uns in jedes verdammte Seil ein, auch wenn es noch so unnötig aussieht
  • Wer schneller gehen mag, wird vorgelassen.. flow und so…
  • Wir haken uns nicht in den selben Abschnitt der Freundin sondern haben immer 1 Wandmontage Abstand
  • Wir drehen uns nicht während des Kletterns um, können aber den Namen der Freundin rufen, die hinter uns ist, diese ruft „check“ wenn es ihr ok geht und ruft den nächsten hinter ihr
  • Wir sprechen erst, wenn wir alle stehengeblieben sind

Worüber wir wahrscheinlich alle ganz dankbar gewesen sind, war die fette neblige Wolke, die sich nach knapp einer Stunde wie ein Wattebausch unter uns an den Berg klebte. Sie versperrte die restlichen 2 Stunden die Sicht nach unten, und auch nach oben, und wir kletterten quasi im Nebel weiter.  Im Nachgang kann man sich natürlich ärgern, dass uns die Wahnsinnssicht verdeckt geblieben ist, aber beim Aufstieg war ich eh so beschäftigt mit meinen Gedanken, dass mich das wahrscheinlich noch mehr gestresst hätte. 

 

Ehrlich gestanden, auf der nächsten Wanderung /Bergbesteigung kann ich vielleicht mit der Höhe umgehen und es mehr genießen. Dies Mal war es nicht möglich. Mir haben permanent die Hände und Beine gezittert und die Gedanken gehen durch. 

Was lernen wir draus?

Blick runter
Blick rauf

Die Gefahr war immer noch da, aber wir sahen sie nicht. Nett, also Augen zu und durch scheint ne gute Taktik zu sein. Rein in die Gefahr, rein in die Angst und so ist man auch schneller durch.

Das Bergsteigerpärchen verabschiedete sich übrigens auf halben Weg bei uns, da sie die Wolke abwarten wollten um die schöne Aussieht zu genießen 😀 Ach du meine Güte, ich wäre glaub ich heulend vor Angst am Berg erstarrt… Hoff ich gewöhne mich irgendwann dran.

Irgendwann hörten wir dann hin und wieder Stimmen, wobei wir nicht sicher waren ob das nicht an der hohen Luft gelegen haben könnte… Wir waren auch die einzigen, die zu diesem Zeitpunkt geklettert sind. Aber als wir dann auch vereinzelt Vögel gesehen haben, wurde uns klar (wir sahen ja nicht wie hoch es noch geht), dass die Zugspitze nicht weit weg sein kann.

Nach insgesamt 5,30 Stunden Aufstieg kamen wir ziemlich hungrig, erschöpft aber so so so glücklich oben an der Spitze an.

Was dann oben auf dem Top-of-Germany geschah, kann man in meiner Instagram Story >> Zugspitze << entnehmen.

Ich kann nur eins sagen: ich ging als eine Heinrichs rauf, und als zukünftige Buchalla wieder runter.

Achso, runter nahmen wir selbstverständlich die Seilbahn der Superlative: Meiste Höhenüberwindung in einer Sektion, das war auch ein grandioses Erlebnis.

Fazit der Klettertour

Wir sind uns alle einig. Das war eine Wahnsinns-Idee, die auch hätte schief gehen können.

Die Zugspitze ist kein Anfängerberg und wir sind sehr froh heile oben angekommen zu sein. Unser Anfängerstatus ist in erfahrene Bergsteiger gewechselt.

Was uns mit Sicherheit den Arsch gerettet hat ist unser ausgezeichneter  körperlicher Zustand, wir sind sehr gut im Training  (Eigenlob hehehe) und unser Glück, dass wir uns am Gletscher und an der Passage danach an die erfahrene Truppe haften konnten. Danke!

-> Bananen und Äpfel sind schwerer Proviant 😀

-> Pommes schmecken auch auf 3000 Höhenmeter ganz toll!

Wir sind so an uns gewachsen und um diese mega Erfahrung bereichert worden, dass wir für immer an dieses Erlebnis zurück denken werden. Danke an meine besten Freundinnen und meinem Verlobten Andreas. Mit Euch fühle ich mich dem Himmel nah.

Ja, wir haben beinahe Pipi in Augen und Höschen gehabt. Wir sind aber auch an uns gewachsen. Mehr Berge folgen!

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